Starker Fluss Moskawa

Schöne Aussichten für Reichsbürger und Schutzantragsteller mit einem Faible für theatralische Abschiede. Das Auge sieht Worte aber der irdene Mensch sieht nur mit dem Herzen gut. Lass das Bild auf dich wirken, dann widme dich gerne der märchenhaften Prosa.

Als die Kraft der gestauten Wassermassen der Moskawa noch kein Licht hervorzubringen vermochte, als die Flüsse sich noch selbst ihren Weg durch die weiten Auen und Steppen der weiten Landschaften suchten, und als die Menschen noch dem Jahreskreis im Einklang mit Mutter Erde folgten, da wandelte eine wunderschöne junge Göttin zwischen Himmel und Erde. Mit mildem Blick vermochte sie, in den Herzen der Menschen zu lesen, wie in einer Buchrolle, und sie hat die Herzen der Menschen geliebt. Als die Männer der Erde angefangen hatten, die Tiere zu zähmen, Zäune und große Häuser zu bauen und große Hausstände zu gründen, da reichte die große Göttin Weisheit ihr ein weiches Tuch, welches sie aus ihrem eigenen Haar gewebt hatte. Die junge Göttin nahm das Tuch aus der Hand der Weisheit und verband sich damit die Augen, damit sie durch das Gewebe der Weisheit hindurch ohne Ansehen von Person und Stand in die Herzen der Menschen schauen konnte. Sie griff nach ihrer silbernen Waage, und wog stets in  Gerechtigkeit und Milde ab, bevor sie ein Urteil sprach.  Das Auge der Patriarchen der Erde aber lag stets mit Wachsamkeit auf dem Wort der Göttin, und ihr Name war Justitia. Als Justitia wieder einmal ein Urteil gesprochen hatte, traten die Patriarchen zusammen, um Rat zu halten. Als der sechste Tag angebrochen war, trat ein hoher Edelmann hervor und sprach: „Gedenket des Tuches der jungen Göttin, welches ihre Augen bedeckt: Die große Göttin Weisheit selbst hat es aus ihrem eigenen Haar gewebt. Lasst uns einen Schrein aus Kristall bauen. Da hinein wollen wir das heilige Tuch legen, damit es für die Ewigkeit bewahrt sei. Justitia aber soll sich die Augen verbinden, mit unserem Tuch, welches die geschickteste meiner Sklavinnen über und über mit Goldfäden besticken möge.  Den Patriarchen gefiel der Rat des hohen Edelmannes, und sein Name war Mammon. Als die Frau siebenundsiebzig Tage an dem Tuch gestickt hatte, war das Werk vollendet.  Justitia gefiel es, das Tuch der Göttin nunmehr zu schonen und für die Ewigkeit zu bewahren. Da bedeckte sie ihre Augen mit dem Tuch des Edelmannes, um von nun an durch das Tuch Mammon in die Herzen der Menschen zu schauen. Das göttliche Tuch aber hatten die Männer in den Schrein aus Kristallglas gelegt, welcher in den innersten Räumen der ewigen Stadt eingemauert war, während ein Seufzen der Menschen an das Ohr der jungen Göttin drang. Da trat sie vor den Rat der Männer und sprach: „So groß meine Mühsal auch ist, so kann ich doch die Wahrheit nicht sehen, und ein Seufzen zieht durch das Land.“  Die Männer aber antworteten: „Seid unbesorgt, edle Hoheit. Das Wort der Priester trägt Wahrheit. Ihrem Wort möge die göttliche Richterin fortan folgen, auf dass das Land in Wohlgedeihen blühen möge, unter der Sonne.“  Justitia spürte, wie eine schwere Last von ihr fiel. So schritt sie geraden Schrittes auf das hohe Haus zu, welches die Patriarchen für sie auf einem Berg gebaut hatten, so  dass sie von nun an in seinen Mauern Gericht halten möge.   Und das Reich blühte unter den Händen der hohen Herren und ihrer Baumeister auf, in Wohlgedeihen. Der Gerichtsfälle indes wurden es viele. Da berief der Rat der Männer hundert Beamte, welche der Göttin die Arbeit abnehmen sollen.  Justitia aber geriet in große Angst. Also behielt die Waage in ihrer Hand, und sie dachte bei sich: „Die Herren mögen sprechen, so wie ich es gewogen habe. Dann wird es gut gehen, und den Menschen wird kein Leid geschehen.“  Da hüllten die Fürsten des Landes ihre Beamten in lange Roben und bedeckten ihre Häupter mit großen Perücken. Die Menschen, so sprachen die Fürsten zueinander, werden die edlen Roben sehen und sagen: „So möge ein jeder Richter mit der Wirtschaft seines  eigenen Hauses hinter seiner Amts-Robe zurücktreten, dass kein Richter seinen eigenen Vorteil aus seinem Amt ziehe.“ So vergingen Jahre der Eintracht und des Friedens. Doch es kam eine Zeit, da wuchs das Reich, jedoch mit Schmerzen, so wie eine Schwangere, die in den Geburtswehen liegt. Und mit jeder Wehe wurden die Mauern höher, hinter denen die Edlen und die Wohlhabenden wohnten. So kam es, dass die Baumeister der hohen Herren einen großen Tempel über den innersten Räumen der alten Stadt bauten, ganz nah an dem Platz, an dem die Häuser der Reichen standen. Also entstand der neue Tempel auf den Grundmauern der alten Stadt, in welcher der Schrein mit dem göttlichen Tuch eingemauert ward. Auch sagt man, dass die Göttin Justitia selbst unter dem neuen Tempel in der alten Stadt eingemauert sei.  Manchmal, wenn kein Mensch es wagt, seinen Mund auf zu tun und zu reden, so erzählen sich die alten Leute, hört man Justitia in ihrem Grab leise weinen. Die Fürsten, welche von diesem Gerücht bald hörten, zeigten Erbarmen, und sie hielten sie Rat. Da trat einer von ihnen hervor und sprach: „Lasst uns diese Worte zu jedem Baumeister sagen: Justitia zu Ehren sollen marmorne Standbilder der alten Göttin der Gerechtigkeit in den hohen Häusern der Gerichte aufgestellt werden“, und der junge Fürst der dies sprach, sein Name war Politikas.  Wenn Du mir nicht glauben magst, dann geh‘ in die Stadt und suche nach den steinernen Standbildern der Justitia.

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